Ninive Mein Name ist Ninivé Sandojé. Ich bin keine geborene Khaja, die Sandojés gehören aber auch zum fahrenden Volk. Ihr könnt uns Zigeuner nennen, wenn Ihr unbedingt wollt. Wir sind frei wie die Vögel, ziehen hierhin und dorthin, entzücken mit unseren Liedern und unser prächtiges Gefieder glänzt in der Sonne.

Aber wenn wir zu lange an einem Ort bleiben, einmal zu oft die Wahrheit sagen, einmal zu oft eine scheinbar tödliche Krankheit heilen, erregen wir Misstrauen. Dann steht ein Scheiterhaufen schnell bereit. Und was niemandem gehört, scheint jedem zu gehören. Unfruchtbare Fürstinnen lassen unsere Kinder rauben und nicht wenige meiner Schwestern wurden gezwungen, einen Mann von großem Einfluss und geringer Schönheit zu heiraten. Menschenhändler besorgen dieses dreckige Geschäft. Sie streifen durch die Lande, überfallen kleinere Lager unseres Volkes, kaufen hungernden Bauern für ein paar Kupfer und ein Sack Mehl die Kinder ab und vermitteln junge, arme Witwen an die Freudenhäuser größerer Städte.

Ich war als einzige nicht im Lager. Ein junger Mann aus dem nahen Dorf hatte mich in aller Heimlichkeit um einen Liebestrank gebeten. Als ich nach vielleicht zwei Stunden zurück kam, war alles Schutt und Asche; unsere Wagen waren geplündert und die jungen Männer, Frauen und Kinder spurlos verschwunden. Wer sich gewehrt hatte, war von den Menschenhändlern grausam niedergemetzelt worden. Auch unsere Pferde hatten diese Bestien gestohlen. Im nahen Wälchen fand ich aber zwei Tiere, die sich in der Panik losgerissen hatten. Ich überredete den Dorfheiler, im Gegenzug für eines dieser Pferde die wenigen Überlebenden zu versorgen. Er half mir auch, die Toten zu verbrennen. Von dem Geruch träume ich heute noch.

Dann suchte ich aus den geplünderten Wagen zusammen, was mir noch nützlich sein könnte und belud mein Pferd damit. Drei Tage ritt ich wie der Teufel, aber die Menschenhändler fand ich nicht. Todmüde und halb verhungert brach ich schließlich an einem Tavernentisch zusammen. Als ich mitten in der Nacht erwachte, war der Schankraum voller betrunkener Söldner, alles sang und feierte. Direkt neben mir saß ein riesenhafter, furchteinflößender Kerl in abgewetzter Kleidung. Mit einem Ruck fuhr ich hoch, aber er grinste nur und meinte: „Ich habe jetzt drei Stunden lang dein Gold und deine Ehre verteidigt. Vielleicht möchtest du dich revanchieren?“ So lernte ich Eric kennen. Von nun an zogen wir gemeinsam durch die Lande, bis wir die Drokhaji trafen und so eine neue Familie fanden.

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